Flowers, Bloom, Coaching, Aufblühen, Flow

Im letzten Blog habe ich über „Languishing“ geschrieben, einen Begriff, der für ein Gefühl steht, das viele von uns in 2021 verspüren: Leere, Stagnation, fehlende Sinnhaftigkeit – oder einfach: Blah!

Wie oft habe ich in den vergangenen Monaten gehört: Das geht nicht mehr so weiter! Ich kann nicht mehr! Ich will das nicht mehr!

Das Resultat von eineinhalb Jahren Krise? Corona-Blues?

Ohne die Belastungen und Probleme geringzuschätzen: Coaching wäre nicht Coaching, wenn es nicht immer auch nach dem „sondern“ fragen würde.

Was willst du stattdessen?

Einen (negativen) unerwünschten Zustand, ein Problem „weghaben wollen“, ist leicht gesagt. Doch die richtigen Worte für etwas zu finden, das an die Stelle des Problems treten soll, kann eine ziemliche Herausforderung sein.

Obwohl wir im Coaching natürlich auch Negatives utilisieren und ganz individuell arbeiten, statt Universal-Rezepte zu auszugeben, werfe ich heute einen allgemeinen Blick auf ein Gegenmittel für das Languishing: das Flourishing. Dabei bin ich mir sicher, dass jede/r für sich etwas ganz Eigenes da herausziehen kann.

> Hier gibt es die Artikel aus der New York Times zum Thema

 

Aufblühen!

Während sich viele Menschen seit nunmehr eineinhalb Jahren fragen, wann das Leben endlich wieder normal wird und sich gut anfühlt, muss man leider sagen, dass es darauf keine verbindliche, datierbare oder allgemeingültige Antwort gibt. Aber – good news: Jede/r kann an diesem Zustand trotzdem etwas ändern. Und das Beste daran: Alles, was wir dazu brauchen, ist schon in uns – und es ist gar nicht so schwer, den ersten Schritt zu machen, um das zu erkennen und zu aktivieren.

Das Zauberwort heißt Flourishing, was in der Positiven Psychologie so viel bedeutet wie aufblühen oder gedeihen. Dabei geht es vor allem um das Anwenden eigener Stärken und damit verbundene positive Emotionen.

Multitasking: Screwing up several things at once.

Obwohl wir es oft als persönliche Stärke empfinden, Multitasker zu sein, sind wir Menschen eigentlich gar nicht dazu gemacht, mehrere Prozesse gleichzeitig am Laufen zu haben – im Gegenteil: Verschiedene Studien aus der Hirnforschung haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass ständiges Unterbrechen und Ablenkung durch Multitasking nicht nur die Konzentrationsfähigkeit mindert, sondern auch weniger Produktivität zur Folge hat und damit sowohl eine geringere Zufriedenheit als auch weniger Motivation.

Besonders in Hinblick auf die seit Jahren wachsende Informationsflut und unsere digitalisierte Welt ist dies eine wichtige Erkenntnis, der gerade in Zeiten der Pandemie eine große Bedeutung zukommt. Wie oft habe ich selbst gedacht, dass ich zu viele Tabs gleichzeitig offen habe? Dass ich zwar tausend Ideen habe, aber gar nicht weiß, wo ich anfangen soll? Oder, dass tatsächlich einmal alles erledigt ist und ich in das berühmte Loch falle? Es gibt zahlreiche Beispiele.

Flow & Fokus

Wie können wir es also schaffen, in einen Zustand des Flourishing zu kommen?

Dies gelingt einerseits über Flow, und andererseits über Fokus.

Unter Flow versteht man einen (manchmal schwer fassbaren) Zustand der Versunkenheit in eine sinngebende Tätigkeit, in der unser Gefühl für Zeit, Ort und Selbst dahinschmilzt. Es ist ein mentaler Zustand tiefer Konzentration, ein positives, ja beglückendes Gefühl und aus psychologischer Sicht ein wichtiges Steuerelement zwischen Über- und Unterforderung.

Besonders neu ist Flow nicht, wenngleich die Bezeichnung erst in den 2000er Jahren in unseren Sprachgebrauch Einzug gehalten hat. Die Formulierung, dass jemand völlig in seinem Tun aufgeht, kennen wir schon immer. Bereits in den fünfziger Jahren beschrieb der Erziehungswissenschaftler Hans Scheuerl in seiner Spieltheorie dieses Phänomen als Zustand des „Entrücktseins vom aktuellen Tagesgeschehen“, bei dem man in seiner momentanen Tätigkeit völlig aufgeht und in einem glücklichen Unendlichkeitsgefühl verweilen möchte.

Man kann sogar noch weiter zurückgehen: Friedrich Schiller prägte in seinem Werk Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) das bekannte Zitat „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Eins-Sein mit sich und der Welt

Die Erkenntnisse aus der Spieltheorie lassen sich durchaus gut auf die Arbeit und andere Tätigkeiten übertragen, vor allem, wenn wir „das Spiel als die Arbeit des Kindes“ betrachten, wie es die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori vor über einhundert Jahren getan hat. Beim Spiel verbindet sich nach ihrer Ansicht das praktische Tun mit Lernprozessen auf kognitiver, emotionaler und sozialer Ebene, und damit vereinen sich Ich und Welt, das Innere mit dem Äußeren.

Auch, wenn sich das Spiel natürlich von der (Erwerbs-)Arbeit des Erwachsenen unterscheidet, weil es bei dieser auch und vor allem um Motivation, Effizienz und Produktivität geht und sie auf ein Ziel ausgerichtet ist, können wir uns das ein oder andere abschauen von dieser Haltung.

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Die Sinnfrage

Wenn es darum geht, eins zu sein und– wir kommen wieder zurück auf das „Multitasking“ – damit um die völlige Konzentration auf das Tun, gelingt dies umso besser, je lieber man eine Tätigkeit ausübt, Freude an ihr hat, Erfüllung findet, Sinn darin sieht. Gerade die Sinnfrage wird in der New Work-Arbeitswelt thematisiert. Je mehr Maschinen es gibt, die wiederkehrende und monotone Arbeitsvorgänge übernehmen, umso stärker rücken nicht nur Soft Skills wie Kreativität und Empathie ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern auch die Frage nach persönlichen Werten und Sinn. Für Unternehmen bedeutet dies u.a., dass sie mit den höchsten Löhnen nicht automatisch die besten Köpfe rekrutieren können, sondern auch ihre eigene Kultur zu hinterfragen haben, wenn sie motivierte, zufriedene und erfolgreiche Mitarbeitende beschäftigen möchten. New Work bietet somit die Chance, individuelle Interessen und Stärken zu entfalten.

4F: Flow, Fokus, Flourishing – Fazit

Es sollte deutlich geworden sein, was Flow bedeutet, wie er entsteht und was damit möglich wird, nämlich Fokus und damit eine höhere Konzentration, eine bessere Produktivität, ebenso wie Glück und Zufriedenheit: Flourishing. Klingt gut – ist aber nicht wirklich neu.

Zugegeben: in der Krise mit all ihren Herausforderungen, wie Homeoffice, Homeschooling, Kurzarbeit, Jobverlust, Krankheit, Trennungen in Freund- oder Partnerschaft etc., ist dies eine umso größere Aufgabe. Doch obwohl das Flow-Erleben sehr individuell ist, helfen schon ein paar gezielte Fragen, die Du Dir jederzeit stellen kannst. Zum Beispiel:

 

  • Was macht Dir so richtig Spaß?
  • Wobei kannst Du alles um Dich herum vergessen?
  • Welche (kleinen) Ziele hast Du – heute, diese Woche, diesen Monat?
  • Wie und wann kannst Du Dir zeitliche Inseln schaffen, während derer Du Dich nicht unterbrechen lässt?
  • Wofür bist Du täglich dankbar?
  • Was kannst Du Neues lernen?
  • Was kannst Du einem anderen Gutes tun?
  • Mit wem bist Du zusammen, wenn die Zeit verfliegt?

usw. usw.

Du kannst einfach einmal wild drauf los brainstormen und Dir Deine Antworten aufschreiben. Diese aktivierenden Fragen eignen sich übrigens auch bestens, um herauszufinden, was man gern tun möchte oder gut kann.

Wenn Du zuhause keine Ruhe finden oder keinen Raum schaffen kannst, geh nach draußen. Bei Bewegung und frischer Luft ist es oft leichter, Dinge in den Fluss zu bringen. Vielleicht möchtest Du einen Awe Walk unternehmen oder Dich auf eine Bank setzen, magst der Natur lauschen oder Musik hören. Du weißt, was Dir guttut!

Flourish! Yay!